Zur Geschichte der Lofts
Was ist überhaupt ein Loft? Der Begriff kommt - wie könnte
es anders sein - aus dem Amerikanischen.
Loft bedeutet schlicht "Fabriketage", ganze Fabrikgebäude
nennen sich "Loft-Buildings". Gemeint sind die Stahlrippenkonstruktionen
der Industriebauten des ausgehenden 19. Jahrhundert in den Produktionsvierteln
der Großstädte. Im Stadtteil SoHo in New York,
aber auch in San Francisco und anderen Ballungsräumen begann
damals die industrielle Fertigung in den Großstädten.
Druckereien, Stofffärber, Metallwerkstätten, Kartonagefabriken
und Textilproduzenten nutzten die preiswerten Arbeiter der Metropole.
Hier entstanden einfache Bauten, aber auch romantisierende Industriepaläste.
Abwanderung der Industrie in Außenbezirke
Im Zuge der Industrialisierung und der damit einhergehenden Stadterweiterungen
zogen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Industriebetriebe
in die Peripherie der Städte. Verkehrsprobleme, schlechte
Anbindung an die Eisenbahnen, Platzschwierigkeiten - der Standort
in der Innenstadt
war für viele Betriebe unrentabel.
In der Folge verwahrlosten die Industriebereiche. In dieses Vakuum
stießen in den sechziger Jahren die New Yorker Künstler.
Der bekannteste ist sicherlich Andy Warhol, der mit seinen
bunten Portraits berühmter Persönlichkeiten wie Marylin
Monroe oder Elvis Presley berühmt geworden ist.
Aber auch die sog. Happening Künstler wie z. B. die Ehefrau
John Lennons, Yoko Ono, zogen in die Lofts und fanden Platz
für ihre Kunst. Die Behörden zeigten sich anfänglich
widerborstig. Das Wohnen in der Industrieetage war bis zu Beginn
der siebziger Jahre offiziell verboten; dem Leben in den endlosen
Weiten der Industriebrachen haftete so etwas Abenteuerliches, Antibürgerliches,
Neues, Eigenes an.
Erst langsam erkannte die Stadtverwaltung New Yorks die sich in
der Loft-Bewegung bietende Chance. Die Innenstädte wurden lebendiger
- und dies mitten in der wirtschaftlichen Rezession. Industriebauten
wurden wieder genutzt. Eine Nutzungsalternative für die alten
Produktionsviertel war ohnehin nicht in Sicht.
Anziehungspunkt für die Avantgarde
So gestatteten die Stadtväter die Umnutzung - mit durchschlagendem
Erfolg, wie sich zeigen sollte. Andy Warhol und seine Freunde waren
nämlich bald etablierter, als sie es anfänglich wollten.
Ihnen folgend zogen nun Grafiker, Musiker und Studenten
in die Loft-Buildings, später fühlten sich Architekten,
Rechtsanwälte und kreative Berufe, zum Beispiel
Fotografen, vom "Loft-Living" angezogen.
Für die Stadt bedeutete die Umnutzung: neue Bewohner in alten
Gebäuden, gleichzeitig neue Steuerzahler, Belebung der Innenstadt
und parallel die Sanierung teils denkmalgeschützter Bausubstanz.
Kostete die Quadratmetermiete in einem New Yorker Loft in den
Siebzigern
noch etwa umgerechnet einen Euro pro Quadratmeter, müssen
heute in schönen Lagen schon 20 bis 30 Euro pro Quadratmeter
gezahlt werden.
London Vorreiter in Europa
In Europa verlief die Entwicklung ähnlich, jedoch
zeitversetzt.
London, einst ein Zentrum industrieller Produktion, bot
sich als Entwicklungsfeld geradezu an. Doch es dauerte bis in
die Zeiten
Margret Thatchers, daß zu Beginn der achtziger Jahre die
ersten Loft-Projekte in den berühmten "Docklands", dem
Hafenviertel Londons, begannen.
Die Preise für Büros in Industriebrachen purzelten in
die Tiefe. So begann in London ein regelrechtes Loft- Fieber mit
der Umnutzung alter Industrieetagen und leerstehender Büroetagen
in Wohnraum. Die ersten Projekte wurden den Initiatoren innerhalb
von Wochen aus den Händen gerissen.
Allen schwebte die Renaissance lebendiger, vor allem bewohnter
Innenstadtquartiere vor. Die "bürogläubigen"
Stadtbehörden wurden umgestimmt. Über Amsterdam, das Pariser
Marais-Viertel und die Hamburger Hafenstadt kam das Loft-Living
nach Deutschland. Eines der ersten Projekte war die Fabrik des Schokoladenherstellers
"Stollwerk" in Köln. Nach jahrelanger
"Besetzung" durch junge Leute wurde sie zu einem bevorzugten
Wohnquartier für Besserverdienende.
In Berlin kennt man die klassische "Kreuzberger Mischung"
-die Verbindung von Wohnen (im noblen Vorderhaus) und industriellem
Arbeiten (im Hinter- und Quergebäude). Die Paul-Lincke-Höfe
sind hierfür exemplarisch: die Fassade des schmucken Vorderhauses
steht zum Wasser, die Höfe beherbergten einst vielfältige
Betriebe.
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